Kontakt

BOARCHiTEKT

Suche

Feuilleton

12. Dezember 2010
4 Kommentare

Ästhetik des Todes

Ein Architekt entwirft Gebäude. Klar, könnte man denken. Aber legt er Bleistift und Skizzenbuch beiseite, kleidet sich wie für eine Polarexpedition und verlässt vor sieben das Haus, steht Besonderes in seinem Kalender. So passiert in der letzten Woche. Ein Bericht:

Die Westhalle der Katharinenkirche in Salzwedel ist vom Einsturz bedroht. Um die nötige Baufreiheit für die Sicherungsarbeiten herzustellen, müssen auch zwei Grabnischen aus dem 18. Jahrhundert geöffnet werden. Diese sind in den 1970er Jahren luftdicht vermauert worden. Im ehemaligen Türbereich der einen Gruft wächst seit Monaten ein Fruchtkörper Echten Hausschwamms kontinuierlich nach. Das lässt nichts Gutes ahnen.

pIMG_0423

Foto: Corinna Streitz (www.corinnastreitz.net)

Die Nischen werden geöffnet. Modergeruch schlägt uns entgegen. Verschlossene und offene Särge sind im Inneren auszumachen. Die ehemaligen Türflügel liegen obenauf. Die südliche Gruft ist vollkommen verschwammt. Später wird der Holzschutzgutachter sagen: Auf einer Skale von 1 bis 10 ist das hier klar eine 12.

In der Westhalle wird ein Folienzelt aufgebaut. Groß genug, um den Inhalt beider Gruften aufzunehmen. Die Sporen des Pilzes dürfen sich nicht verbreiten. Nach und nach werden dann die einzelnen Fragmente aus den Gruften genommen. Der Schwamm hat den Toten und ihren Särgen unglaublich zugesetzt. Die Restauratorin dokumentiert jedes Objekt. Konzentrierte Geschäftigkeit.

Nachdem das letzte Stück seinen Platz im Folienzelt gefunden hat, kehrt Ruhe ein. Zeit für Reflektion. Haben wir die Totenruhe gestört? Nicht wirklich. Gestört wurde sie spätestens im Umfeld des Zumauerns der Gruften. Augenzeugen berichten auch von mit Leichenteilen spielenden Kindern.

Hätten wir auf das Bergen verzichten können? Nicht wirklich, denn die Bestatteten sind durch zweierlei Fakten akut bedroht. Zum einen der Echte Hausschwamm, der früher oder später Holz und Leichname vollständig zersetzt hätte. Zum anderen die einsturzgefährdete Westhalle. In ein paar Jahren würden die Grablegen als Teil eines Gebirges aus zusammengestürztem gotischen Mauerwerk auf Kippern abgefahren werden.

Und die Erfahrung von drei archäologischen Grabungskampagnen in Ägypten und Syrien gibt Sicherheit. Grablegen zu dokumentieren und zu bergen ist keine Neuigkeit. Parallelen und Unterschiede zwischen den Totenkulten von vor 300 Jahren und vor 3.000 Jahren, von Mitteleuropa und Vorderem Orient sind bemerkenswert. Schwarze, um die Handgelenke gebundene Schleifen rufen Erinnerungen wach an Bronzeringe, in denen kindliche Unterarmknochen stecken.

Nichts ist abstoßend oder erschreckend. Es ist nicht übertrieben, von Schönheit zu sprechen. Die Leichname sind liebevoll gebettet, die Särge mit Engeln und Sprüchen verziert. Der Blick wendet sich nicht angstvoll ab. Er verweilt vielmehr, um der Ästhetik des Todes gewahr zu werden und zu verstehen.

Durch das Zurückführen der Toten in die Gruften nach Abschluss der Bauarbeiten haben Grabstelle und Totenruhe weiterhin Bestand.

4 Kommentare

  • ute
    Kommentar
    15.12.2010 @ 15:09

    nur ein wort: BEEINDRUCKEND!!!

  • Kommentar
    17.12.2010 @ 11:50

    Dank für die vielen Reaktionen, die mich per E-Mail und Telefon erreicht haben.

  • Ingrid Bahß
    Kommentar
    22.12.2010 @ 18:55

    Lieber Jan,
    ich wäre gerne bei der Öffnung der Gräber dabeigewesen, um eine Sehnsucht zu stillen, die ich mit Namen nicht benennen kann.
    Auf der einen Seite kann ich mir vorstellen, meine Kamera gerne eingesetzt zu haben, auf der anderen Seite stelle ich mir vor, daß ich nicht fotografiert hätte, um in das eigene
    Erleben nicht einzugreifen.

    Ingrid

  • Einen Kommentar hinterlassen