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Architekt

 

Journal

23. November 2019

firmitas utilitas venustas

Grußwort zur Eröffnung der Wanderausstellung zum Wettbewerb "Die Kirche in unserem Dorf" der Wüstenrot Stiftung in Rosenhagen

Lassen Sie mich bitte gleich zum Anfang feststellen: Es war eine ganz besondere Aufgabe für mich als Architekt, einen Kirchturm zu entwerfen. Zum einen war es der historische Kontext, zum anderen die speziellen Anforderungen der Auftraggeber – und nicht zuletzt war es der Anspruch, gute Architektur zu realisieren.

Schon in der frühen Phase wurde klar, wir würden ein Bauwerk in den alten Abmessungen errichten. Die Basis bildete der ruinöse Sockel aus Feldsteinmauerwerk, in dessen Schutt sich Stücken der alten Turmeindeckung fanden – ein Hinweis auf die Form des Schiefers, den wir für die Auswahl der Eindeckung der Turmspitze nutzten. Das Bild abrunden sollte der Turmschaft, der eine vertikale Verschalung aus Lärchenbrettern bekam, in die sich die erforderlichen Fensteröffnungen unauffällig einfügen sollten. Es entstand die Idee der Fensterläden, deren vertikale Lamellen – in verschiedenen Winkelstellungen verbaut – den Blick auf die Fenster verdecken und gleichzeitig das Licht optimal in den Innenraum lenken.

Dass der Gemeinderaum im Obergeschoss ohne jegliche Innenstütze auskommt, verdankt er der geschickten Kombination von Holzrahmenbauweise und wenigen, optimal platzierten Stahlträgern. Letztere leiten die Lasten von Turmspitze und Glockenstuhl in die Außenwände. Vor dem gotischen Ziergiebel steht unsichtbar ein großer Stahlrahmen. So bleibt der Blick auf dieses schöne historische Mauerwerk unverstellt. Der Ziergiebel war übrigens im Außenbereich, bevor die Kirche das erste Mal einen Turm bekam.

Erlauben Sie mir zum Abschluss noch einen Hinweis auf die Luke, mittels derer am oberen Ende der Treppe der Gemeinderaum vom Sockelgeschoss getrennt werden kann. In der Tischlerwerkstatt haben wir an einem 1:1-Modell die Konstruktion soweit entwickelt, dass sich der Mechanismus leicht öffnen und schließen lässt; zudem lässt sich die Luke begehen, wenn sie geschlossen ist. In Verbindung mit dem gläsernen Geländer kann so der Gemeinderaum als ungestörte Einheit erscheinen.

Der alte Römer Vitruv nennt Firmitas, Utilitas, Venustas – also Stabilität, Nützlichkeit und Schönheit – als die Kategorien für Architektur. Wenn Sie den Turm besuchen, überprüfen Sie die Architektur bitte auf Stabilität, Nützlichkeit und Schönheit.

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