BOARCHiTEKT

Architekt

 

30. Mai 2010

Neo Rauch

Seinen Bildern bin ich das erste Mal in der Kunsthalle Wolfsburg begegnet. Das war im November 2006. Sie haben mich […]

Seinen Bildern bin ich das erste Mal in der Kunsthalle Wolfsburg begegnet. Das war im November 2006. Sie haben mich seither nicht mehr losgelassen.

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Neo Rauch, Max Ernst Museum Brühl. Foto: Hans Peter Schaefer | Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 License | wikimedia

Später fiel mir im Feuilleton der Berliner Zeitung unter dem Titel “Lass dich abrubbeln, Ärmster” ein Artikel über drei Fenster im Naumburger Dom ins Auge. Hier hatte Neo Rauch auf seine Art, in Rot, Hand an ein Sakrales Gebäude gelegt. Der Kommentator folgte zum einen dem Mainstream, Rauch leicht und selbstherrlich ironisch zu verreißen, konnte sich aber auf der anderen Seite nicht ganz entziehen, seine Faszination von dieser eigenwilligen Gestaltung zu artikulieren. Wieder war ich begeistert von der Kunst Rauchs. Zudem machte es mir Mut, meinem, zu diesem Zeitpunkt in das Kreuzfeuer von Gemeindegliedern, Denkmalpflege und anderen Bürgern geratenen Entwurf für den Neubau des Westflügels am Dom zu Stendal treu zu bleiben.

Nun die große Geburtstagsschau in seiner Heimatstadt Leipzig. In ruhigen Raumkontinuen seine großen Werke. Auf halben Weg wird mir klar, dass Rauch mir mit jedem Bild eine Postkarte aus meiner Vergangenheit schickt. Auf jedem Gemälde sind Foto und Text, also Vorder- und Rückseite der Postkarte gleichzeitig präsent. Die Formensprache, die Raumästhetik, die Symbole erzeugen Resonanz mit gedanklichen Konstellationen meiner Erinnerung. Ich glaube den Sternentaler aus meinem Kinderbuch zu entdecken, den Jäger, das Tapfere Schneiderlein. Ich fühle die Sonne auf dem Rücken beim Warten auf dem Parkplatz einer Autobahnraststätte im Süden. Zeichen wecken Ritualreflexe – zuletzt ausgelöst im Bann von Organisationen vergangener Tage.

In einem Nebenraum läuft die Endlosschleife eines filmischen Interviews. Die Grundaussage, dass Rauch nur in Leipzig kreativ sein kann, kulminiert in der wunderbaren Aussage, dass er eben kein “internationales Malinstitut” sei. Hier spendet Neo Rauch erneut Mut, nicht auf Biegen und Brechen immer Größerem hinterherzujagen. Selbstverständlich hat er alles Potenzial, auf den bedeutendsten Bühnen unserer Tage zu spielen. Er aber bleibt ehrlich mit sich selbst und letztendlich in Leipzig. Hört sich komisch an, aber irgendwie ist er für mich das, was man im wahrsten Sinn des Wortes ein richtiges Vorbild nennt.


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