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13. Januar 2016
1 Kommentar

1895

Festbeitrag zum 120 Jubiläum der Oberschule in Wittenberge vorgetragen auf dem Neujahresempfang am 12.1.2016

❶ 1895 .. Wir befinden uns in der Endphase der sogenannten Gründerzeit. Das Deutsche Reich währt bereits ein Vierteljahrhundert, gegründet im Ergebnis dreier Kriege gegen halb Europa. Das Land erlebt einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung – nicht zuletzt durch die Kriegsreparationen, die vor allem Frankreich zu leisten hat. Die Industriealisierung ist in vollem Gange. Es entstehen Rohstoffminen, Verkehrswege und Fabriken. Die Bevölkerung wächst. Der Stil für die industriellen und gesellschaftlichen Aufgaben in Architektur und Gestaltung ist der Historismus, mit seinen zum Teil vermischt angewendeten Referenzen zu den früheren Baustilen: Romanik, Gotik, Renaissance und Barock.

❷ 1895 .. Das Schulsystem hat militärische Züge. Es gilt, konformistisch funktionierende Glieder der deutschen konstitutionellen Monarchie zu formen. Dieses Ansinnen manifestiert sich unter anderem mit Frontalunterricht in der Art der Beschulung, wie auch im architektonischen Typus der Schulbauten. In der Tradition von Kasernen werden Mannschaftsräume, also Klassenzimmer, an langen Fluren angeordnet und ❸ Offiziersräume, also Räume von Kontrolle und Verwaltung, nahe der Treppen. Mit gleichsam Ecktürmen geformten Flanken geben sich diese Bauten nach außen hin symbolisch wehrhaft. ❹

1895 .. Im Dezember wird hier in der Scheunenstraße – auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs – das Schulhaus für Knaben eingeweiht – ❺ ein streng symmetrischer Bau mit zwei Haupteingängen und zwei Treppenhäusern. Schließt man im Bedarfsfall den Durchgang auf der Mittelachse, funktioniert dieses Gebäude perfekt als nach Mädchen und Knaben getrennte Schule.

1895 .. Im April strömt nach einem Deichbruch bei Wentdorf Wasser bis nach Wittenberge. Nahe der Schule, in der heutigen verlängerten Bahnstraße, stehen bis zu 30 cm Wasser. ❻ Die Kenntnis um die permanente Hochwassergefahr hier in Wittenberge lässt den Baumeister ein Hochparterre entwerfen, das auf einem Sockelgeschoss ruht, welches durch seine ursprünglich geringe Geschosshöhe in seiner räumlichen Nutzung untergeordnet ist. ❼ In allen Fassaden sind Hochparterre und Obergeschoss exakt gleich gegliedert. Die Öffnungsstruktur der symmetrischen Hauptfassade wird geprägt durch Gruppen zu je drei Fenstern.

1895 .. Die Erfindung des Ringofens knapp 40 Jahre zuvor ermöglicht die Produktion von Mauerziegeln in industriellem Ausmaß. Für Fabrik- und Gesellschaftsbauten typisch und klassisch norddeutsch wird auch hier an unserem Schulgebäude für alle Fassaden reines Sichtmauerwerk aus Klinkern verwendet. ❽ Zwischen den streng im Binderverband vermauerten Ziegeln sind die Lager- und Stoßfugen sehr schmal und zurückgesetzt ausgeführt. Neben dem aus Ziegeln geformtem plastischen Bauschmuck, wie etwa Gesimsen, Lisenen und Friesen, finden sich auch einige Kreuze und Bänder aus dunkel glasierten Ziegeln. ❾

2016 .. Nach 120 Jahren seiner Einweihung feiern wir zu Recht das Bestehen dieses architektonischen Denkmals, dieses Zeitzeugens deutscher Geschichte. Ein Gebäude wie dieses fixiert soziale Intentionen, gestalterischen Zeitgeschmack und historische Ereignisse.

PS:

Wenn Sie nachher das Schulgebäude verlassen, dann achten Sie vielleicht im Windfang auf eine junge, unscheinbare Überformung: ❿ das Mauerwerk war ursprünglich im Außenraum, die Treppe war eine Außentreppe und die Türöffnung war vermutlich nur ein Durchgang.

1 Kommentar

  • Kommentar
    18.01.2016 @ 14:08

    So knapp wie treffend wie anschaulich. Die Norm – auch die moralische -, bedarf eben, soll sie tragen, einer Form. Formen oder formatieren, das ist die Frage.

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